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Liebe auf den ersten Blick - Mythos oder Wirklichkeit?


Vielleicht sind auch Ihnen in der letzten Zeit die Plakate im Bus oder Straßenbahn Haltestellen aufgefallen. Dort steht es: „Liebe auf den ersten Blick und blaue Flecken auf den zweiten.“

Auch wenn man es vielleicht nicht gleich ganz so drastisch sieht wie mit körperlichen Misshandlungen, würde oft der Satz passen:

„Liebe auf den ersten Blick und auf den zweiten: Verunsicherung, Verzweiflung, Verletzung, Trennungsschmerz.“

Und es ist leider auch wahr: keine Beziehung fühlt sich am Anfang so wunderbar an, wie die falsche.

Ich persönlich glaube nicht an die Liebe auf den ersten Blick.

Vielleicht mag es sich um eine Art verliebt sein, verknallt sein, wie man so schön sagt, was aber nichts mit der wirklichen Liebe zu tun hat, auf die sich eine langfristige harmonische Beziehung auf Augenhöhe aufbaut.

Was passiert aber nun mit uns, wenn wir meinen wir haben uns tatsächlich auf den ersten Blick verliebt, also wenn wir an die Liebe auf den ersten Blick glauben?

Schon Sigmund Freud und auch die alten Griechen gingen von einer Dreiteilung des Menschen aus.

Der Mensch wurde damals in seiner Beschaffenheit in Geist, Seele, und Leib unterteilt.

Sigmund Freud verwandte dafür die Begriffe: ES, ICH und das ÜBER ICH.

Das ES steht dabei bei Freud für den Bauch.

Auch die griechische Sprache kennt seit Platon drei Worte für die Liebe: nämlich Eros, Agape und die Philia.

Egal wie wir es auch nennen möchten, die so genannte Verliebtheit findet immer im Bauch im ES oder im Eros statt.

Im Bauch sitzen die meisten Emotionen.

Schon Sigmund Freud sagte, dass der Bauch für die Lustmaximierung und für die Unlustvermeidung zuständig ist.

Und ich verspreche Ihnen, wenn Sie sich einmal in Ihrem Umfeld umschauen, werden Sie einige Menschen entdecken, die fast ausschließlich nach diesem Prinzip leben.

Aber Gott sei Dank besitzen wir ja auch noch das Herz im griechischen als Agape bezeichnet.

Hier befinden sich unsere Werte.

Wir unterscheiden zwischen Gut und Böse, wir haben Ziele im Herzen, die über sich selbst hinauswachsen.

Philia ist die zweite aus der drei Teilung Eros, Agape und Philia, auch wenn sie als Drittes genannt wird und im Bereich des Kopfes angesiedelt ist.

Philia ist die geistige Liebe.

Es ist die tiefe Zuneigung, die Liebe zwischen Menschen, die gleiche Lebensvorstellungen, gleiche Werte haben, oft auch gleiche spirituelle geistige oder philosophische Interessen.

Diese Liebe muss nicht nur die partnerschaftliche Liebe bedeuten, sondern sie kann auch zwischen Menschen existieren, die sich für die gleiche Sache interessieren, für das gleiche Projekt brennen, gleiche Werte besitzen.

Kommen wir aber zurück zum Bauch und seinem Bezug zu der Liebe auf den ersten Blick ...

Der Bauch ist bei uns leider nicht eindeutig, er möchte z.B. Kuchen essen, aber auf der anderen Seite abnehmen…

Wie soll das funktionieren?

Der Bauch ist absolut spontan, er denkt kein bisschen nach.

Der österreichische Psychiater Raffael Bonelli sagt: „Der Bauch ist in sich selbst ein Getriebener, er ist nicht frei".

Das können wir besonders gut bei kleineren Kindern beobachten.

Sie werden hauptsächlich von ihrem Bauchgefühl, vom „ES" wie Sigmund Freud es bezeichnet hat, gesteuert.

Sie sehen etwas und wollen es jetzt, sofort!

Dabei spielt es absolut keine Rolle, ob das Objekt der Begierde einem anderen Kind gehört, ob das Brötchen schon bezahlt ist oder nicht und auch nicht, ob die Mama schwere Einkaufstüten zu schleppen hat, wenn der Prinz getragen werden möchte...

Und wenn ein erwachsener Mann eine Frau erblickt, die genau seinem Beuteschema entspricht, würde er sie höchstwahrscheinlich, wenn er nur aus dem Bauch heraus handelt, sofort ansprechen, obwohl er liiert ist.

Gott sei Dank haben wir ja auch noch einen Kopf, den wir einschalten können und der uns dann mit den Fragen:

"Was ist nützlich und was ist vernünftig?" die hoffentlich richtige Entscheidung treffen lässt.

Am Beginn einer Partnerschaft streiten wir z. B. nicht. Wir sind so glücklich, den anderen zu sehen, Zeit mit ihm zu verbringen, dass es uns nicht im Traum einfällt, einen Streit anzuzetteln.

Warum ist das so?

Denn jeder weiß, später sieht das ganz anders aus.

Auch hier kommt wieder unser BAUCH ins Spiel.

Wenn Mann und Frau sich begegnen, findet die erst Wahrnehmung über den BAUCH statt:

„Was für ein toller Typ, breite Schultern, sexy Po..." Er denkt vielleicht: „Hat die eine Figur und wie sexy sie sich bewegt..."

Zwischen beiden entwickelt sich auf der Bauchebene EROS, das ist die Anziehung zwischen Mann und Frau. Wir nennen diese Phase auch die Phase der Verliebtheit, denn hier wirkt Eros so mächtig, wie zu keinem Zeitpunkt wieder in einer Partnerschaft.

Dort müssen wir auch die Liebe auf den ersten Blick einordnen. In dieser Phase findet eine fast pathologische Idealisierung des anderen statt. Die Realität wird dabei so gut wie ausgeblendet.

Man denkt in dieser Phase nicht im Entferntesten daran zu streiten oder irgendetwas am anderen kritisch zu betrachteten.

Manchmal gibt es aber auch Paare, die trotz Verliebtheitsphase noch einen Rest von Verstand bewahrt haben, diese Paare reden miteinander.

Und das ist ganz, ganz wichtig und man sollte es, trotz aller Anziehung durch Eros, nicht vergessen, denn wenn sich Eros nach einer bestimmten Zeit zurückzieht und das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, was bleibt dann noch?

Dann sind wir nämlich genau an dem Punkt, wo sich das Blatt wendet von Liebe auf den ersten Blick in Enttäuschung, Verunsicherung und nicht selten Verzweiflung und seelischen Verletzungen.

Durch das miteinander Reden, den geistigen Austausch, das Entdecken von gleichen Ansichten, Werten, gleichen oder ähnlichen Interessen kann sich die Philia entwickeln, eine wahre Freundschaft.

Mein Mann ist auch mein bester Freund/ meine Frau ist meine beste Freundin - solche Sätze stehen für die Philia und sind eine gute Basis für eine langanhaltende Beziehung.

Eros dagegen ist flüchtig.

Die Phase der absoluten Verliebtheit endet meist zwischen drei Monaten und zwei Jahren.

Was bleibt dann noch?

Das Schönste und die wahre Liebe aber ist die AGAPE.

Die totale Hingabe - das Herz.

Der Ort der Freiheit ist das Herz.

Die Agape ist die dritte und die höchste Form der Liebe.

Sie ist die uneigennützige Liebe die seelische Verbindung zwischen zwei Menschen, die sich sehr stark miteinander verbunden fühlen.

Es ist die selbstlose, bedingungslose und erwartungsfreie Liebe.

Ihr Grundgedanke, ihr Grundgefühl ist: „Ich schenke mich Dir.“

Es kann auch die Liebe zu Gott bedeuten und wird im Christentum besonders betont als Ausdruck der Nächstenliebe.

Wie schon gesagt, sie wird mit dem Herzen in Verbindung gebracht.

Der Mensch entwickelt sich vom ICH zum DU.

Leider ist es heute so, dass diese Form der Liebe nur noch sehr wenige Menschen also Paare erleben können, weil die Beziehung meistens vorher zerbrechen.

So streiten wir z.B. in einer Partnerschaft oft heftig, weil wir zu nahe bei uns selber sind und zu weit weg vom Du. Was nichts damit zu tun hat, dass man sich selbst verliert.

Wenn beide das gleiche höhere Ziel haben, dann ist die Hinwendung zum DU keine Selbstaufgabe, sondern eine Bereicherung, weil es immer noch etwas Höheres gibt.

Das DU und das ICH stehen so auf der gleichen Stufe.

Im Gegensatz zum Bauchgefühl: hier ist das ICH ganz stark vorhanden, denn der Bauch ist egoistisch, es dreht sich um Sein selbst und um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, das DU ist kaum vorhanden, außer als Lustobjekt.

Nun ist ja Lust in der Liebe durchaus etwas sehr Schönes und ohne Lust und Eros würde in der Liebe natürlich ein sehr schöner Teil fehlen.

Ein erfülltes Sexleben wäre kaum möglich, aber den anderen NUR als Lustobjekt zu sehen, ist für eine Liebesbeziehung einfach zu wenig.

EROS kann die Versprechen, die er in der Verliebtheitsphase gibt, nicht halten.

„Ich werde dich immer so lieben, du bist die Schönste, keine andere Frau war/ ist so toll wie du,

du bist einmalig, dir könnte ich nie weh tun, ich werde dich niemals verlassen...“

Solche Sätze kommen in der Verliebtheitsphase ganz schnell über die Lippen und sind in diesem Moment bestimmt auch ehrlich gemeint, aber EROS alleine schafft es nicht, diese Versprechen auch tatsächlich langfristig zu halten.

Ich weiß natürlich auch aus eigener Erfahrung, wie gerne das eigene ICH, unser EGO diese wunderschönen Worte hört und auch glauben will.

Aber ich weiß auch, wenn EROS sich zurückzieht und man die rosarote Brille absetzt, wie enttäuscht und verletzt man sich fühlen kann.

Deshalb trauen Sie Ihrem Bauch nicht zu sehr, genießen Sie die Anziehung, die ein anderer Mensch auf Sie hat, aber sehen Sie diese erotische Anziehung, als das, was Sie ist. Sie sitzt im Bauch. und verwechseln Sie sie nicht mit der wahren Liebe, die sich daraus durchaus entwickeln kann und das wünsche ich Ihnen von Herzen.